Zuerst die "facts" und dann die Glosse

(Zuerst die "facts" und dann die Glosse)
Lesen Sie die nachfolgende Pressemitteilung des Gemeinsamen Bundesausschusses über die (Nicht-)Verordnungsfähigkeit von Blutzuckerteststreifen.
Lesen Sie aber auch den Sondernewsletter des Diabetes-Journals zum G-BA-Beschluß.

Deutsches Ärzteblatt zum Teststreifen-Ausschluß

Dtsch Ärztebl 2011; 108(12): A-618 / B-505 / C-505
Teststreifen für Diabetiker: Ausschluss für zahlreiche Patienten

Typ-2-Diabetiker, die kein Insulin spritzen, müssen Teststreifen in Zukunft in der Regel selbst bezahlen. Die Diskussion über diese Entscheidung des Gemeinsamen Bundesausschusses wird vor allem den niedergelassenen Ärzten überlassen.
Die Krankenkassen übernehmen künftig – von Ausnahmen abgesehen – nicht mehr die Kosten für Harn- und Blutzuckerteststreifen bei Typ-2-Diabetikern, die kein Insulin spritzen müssen. Das hat der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) entschieden. Der Beschluss tritt frühestens im vierten Quartal 2011 in Kraft. Für Patienten, die auf Insulin angewiesen sind, gilt diese Einschränkung nicht. Ihnen dürfen weiterhin Teststreifen verordnet werden.
Bei nichtinsulinpflichtigen Diabetikern ist dies ausnahmsweise zulässig, wenn ihre behandelnden Ärzte eine Blutzuckerselbstkontrolle wegen einer instabilen Stoffwechsellage für sinnvoll halten. Dies kann beispielsweise bei der Ersteinstellung oder der Umstellung auf ein neues Präparat der Fall sein, ebenso aber, wenn der Patient an einer weiteren Krankheit leidet.
Zur Begründung erklärte der G-BA-Vorsitzende, Dr. Rainer Hess, in der Vergangenheit habe es „einen deutlichen Missbrauch“ bei der Verordnung gegeben. Er räumte allerdings ein, die Neuregelung sei noch nicht zufriedenstellend für Personen, die beruflich zu einer selbstständigen Kontrolle ihres Blutzuckers gezwungen seien, beispielsweise Berufskraftfahrer. Sie sollen die Kosten für Teststreifen, circa 500 Euro pro Jahr, in Zukunft selbst tragen.
Die Ausgaben für Teststreifen sind zusammengerechnet kein geringer Posten der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV). Jährlich wird nach Angaben des G-BA bundesweit mehr als eine Milliarde Euro mit Blutzuckerteststreifen umgesetzt. 900 Millionen Euro davon werden als Kassenleistung abgerechnet. „Die Blut- und Urinzuckerselbsttestung nützt vor allem den Herstellern solcher Teststreifen und nicht den nichtinsulinpflichtigen Typ-2-Diabetikern“, urteilte der GKV-Spitzenverband. Wolfgang Kaesbach, Leiter der dortigen Abteilung Arznei- und Hilfsmittel, kritisierte die langjährige Praxis, Diabetikern die notwendigen Geräte kostenfrei zu überlassen. „Die Teststreifenhersteller haben sich gedacht: ,Wir verschenken die Geräte und schauen, ob die Krankenkassen die Teststreifen bezahlen‘– was wir ja auch reichlich getan haben.“
Grundlage des Ausschlusses ist eine Bewertung des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen. Die Wissenschaftler hatten sechs Studien ausgewertet und keine positiven Auswirkungen auf Morbidität und Mortalität gefunden.
Dr. med. Nikolaus Scheper, Pressesprecher des Berufsverbandes der Niedergelassenen Diabetologen, stellt auf Anfrage klar: „Es ist bisher schon so, dass Diabetiker, die nicht insulinpflichtig sind, nur in sehr reduziertem Umfang Teststreifen verordnet bekommen sollen.“ Mit dem Beschluss ist der Verband grundsätzlich einverstanden, vor allem wegen der Ausnahmeregelungen – mit einer Einschränkung: Immer mehr jüngere Typ-2-Diabetiker müssten nach Schepers Meinung eher engmaschig kontrolliert werden, weil sich die Krankheit rasch verschlechtern und dies für Kraftfahrer oder Maschinenführer gefährlich werden könne. Dass man diese Gruppe ausgeschlossen habe, sei vielleicht formal korrekt, aber die falsche Entscheidung.
Ob es nun Diskussionen mit Patienten in den Praxen geben wird? Ganz sicher, sagt Scheper, das sei nach solchen Beschlüssen immer so: „Es ist üblich bei den Kassen, dass sie solche schlechten Nachrichten für Patienten nicht selbst verkünden, sondern den Weg über die niedergelassenen Ärzte wählen.“ (Siehe auch „Medizin nach Kassenlage?“ in diesem Heft).
Bei Patientenorganisationen stieß die Entscheidung auf Kritik. Thomas Danne, der Präsident der Deutschen Diabetes-Gesellschaft, kritisierte das zugrundeliegende Gutachten als unzureichend. Zudem sei die Blutzuckerselbstkontrolle ein unverzichtbarer Bestandteil einer strukturierten Diabetesschulung und stärke den selbstverantwortlichen Umgang der Patienten mit ihrer Erkrankung. Die Ausnahmeregelungen reichen Danne nicht, da instabile Stoffwechsellagen durch die Bestimmung der Langzeitblutzuckerwerte in den Praxen nicht feststellbar seien.
Dr. rer. nat. Marc Meißner, Sabine Rieser

Das Telegramm zur Verteilungsdebatte

Gerechte Gesundheit – März 2011 – Das Telegramm zur Verteilungsdebatte
Eine weitere Stellungnahme zum Beschluß des G-BA

BZ-Teststreifen in Schilda - Teil 2

oder
Verordnungsfähigkeit von Blutzuckerteststreifen
Frau Schildine hat seit etwa 10 Jahren einen Typ 2 Diabetes. Zunächst reichte zur Behandlung geregelte Kost aus. Seit einigen Jahren erhält sie zusätzlich Tabletten. Frau Schildine hatte nämlich bemerkt, dass ihre Blutzuckerwerte langsam anstiegen. Wie bekannt (siehe „Arzneiversorgungsvertrag“) führt sie Blutzuckerselbstkontrollen durch; aber nur gelegentlich und nur dann, wenn sie das Gefühl hat, der Blutzucker könne zu hoch sein. Wenn sie sich unpässlich fühlt, zum Beispiel bei einer Erkältung, misst sie öfter; so, wie sie das in der Schulung gelernt hat.
Frau Schildine hat mit ihrem Zucker bisher nie ernsthafte Probleme gehabt, dank der Blutzuckerselbstkontrolle; davon ist sie überzeugt, denn sie könne ja sofort reagieren.
Ihre Cousine, die etwa gleich alt ist und auch einen Typ 2 Diabetes hat, habe dagegen nicht selten Schwierigkeiten. Sie müsse den gemeinsamen Hausarzt neben den regelmäßigen Kontrollterminen immer auch noch zwischendurch aufsuchen. Sie macht zwar alles auch so, wie sie es zusammen mit Frau Schildine in der gemeinsamen Schulung gelernt hat. Aber sie hat Angst, sich in den Finger zu piksen. So fehlt ihr die Blutzuckerselbstkontrolle.
Frau Schildine hat nun von der Sprechstundenhilfe gehört, dass sie in Zukunft keine Blutzuckerteststreifen mehr aufgeschrieben bekommen könne. Eine Nutzenbewertung der Blutzuckerselbstmessung in der Abteilung für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Rathaus von Schilda habe gezeigt, dass nichtinsulinpflichtige Patienten, die orale Antidiabetika einnehmen, von einer Selbstmessung nicht profitieren würden, weil sich daraus keinerlei direkte Konsequenzen auf die Therapie ergeben würden.
Das kann Frau Schildine überhaupt nicht verstehen. Denn sie hat ja das Beispiel ihrer Cousine vor Augen, die ohne Blutzuckerselbstkontrolle immer wieder Schwierigkeiten hat.
Frau Schildine fragt dann Ihren Hausarzt, ob das wirklich stimmen könne. Der Hausarzt antwortet ihr, die Abteilung für Qualität und Wirtschaftlichkeit habe sehr gewissenhaft die wissenschaftliche Literatur der ganzen Welt zu diesem Thema ausgewertet und keinen Nutzen hinsichtlich des Verlaufs der Erkrankung finden können.
Frau Schildine wagt nicht zu widersprechen. Aber im Hinausgehen aus dem Sprechzimmer murmelt sie: „Es wäre doch besser, wenn das Rathaus Fenster hätte. Dann könnten die da drinnen mal sehen, wie das Leben da draußen wirklich ist."

Da Frau Schildine weiter gerne Teststreifen hätte (-die 50 pro Quartal hat sie nie ganz gebraucht-) überlegt sie, ob sie sich nicht einfach ein ganz klein bisschen Insulin verschreiben lassen soll, um weiterhin Teststreifen zu bekommen. (Man kann das Insulin ja aufheben, wenn man es -noch- nicht benötigt.)
Ja, um Lösungen ihrer Probleme waren die wackeren Bürger von Schilda noch nie verlegen; notfalls sogar mit Sack oder Mausefalle.

Es ist doch gut, dass es diese Probleme nur in Schilda, nicht aber bei uns gibt.
(26.03.2011)