Falls Sie Referate von MDLinx erhalten und den nachfolgenden Artikel von Pedersen–Bjergaard U, et al ebenfalls gelesen haben:
(gelesen am 10.10.2014 - P.Bottermann)
"Hyper- oder Hypo-; das ist die Frage."

Auswirkungen der neuen EU-Führerscheinrichtlinie auf die Angaben zu schwerer Hyperglykämie bei Patienten mit Typ-1-Diabetes


Pedersen–Bjergaard U, et al. – Angaben zu Fällen von schwerer Hyperglykämie bei Patienten mit Diabetes mellitus Typ 1 sind nach der Implementierung der neuen EU-Führerscheinrichtlinie zurückgegangen. Nach dieser Gesetzgebung wird der Führerschein entzogen, wenn innerhalb eines Jahres mehrere Episoden von schwerer Hyperglykämie auftreten. Das Verheimlichen von schwerer Hyperglykämie kann die Sicherheit der Betroffenen gefährden und paradoxerweise die allgemeine Verkehrssicherheit verringern.

HYPER- oder HYPO- ?-- Kommentar

Auch diejenigen, die die neue (ist übrigens nicht mehr so neu!) EU-Führerscheinrichtlinie nicht gelesen haben, dürften sich beim Lesen des obigen Artikels über die Auswirkungen schwerer Hyperglykämien bei Patienten mit Typ 1 Diabetes unwohl gefühlt haben.
Diejenigen, die die Richtlinie gelesen haben, werden wohl gleich zweimal gestolpert sein:
Einmal bei der Blutzuckerhöhe.
Eine kleine Hilfe -umgangssprachlich auch Eselsbrücke genannt- für diejenigen, die es nicht so mit Griechisch in der Schule oder sonstwie gehabt haben. Es ist ganz einfach: Hyper hat mehr Buchstaben als Hypo; ein Blutzucker kann zahlenmäßig auf viel höhere Werte ansteigen als zahlenmäßig abfallen, bis es gefährlich wird. Also das - er steht für zu hoch, das -o für zu niedrig.
Naja, vielleicht war es ja auch nur ein Fehler beim Abschreiben, der sofort auffällt, (-schon wieder unangenehme Erinnerungen an die Schulzeit?)
Und das zweite Stolpern? „--- bei Patienten mit Typ 1 Diabetes“.
In den EU-Richtlinien findet man keine Einschränkung auf Hypoglykämien nur bei Typ 1 Diabetes. Dort wird allgemein von Diabetes oder Diabeteserkrankung gesprochen. Lediglich in der tabellarischen Übersicht kommt unter der Diagnose Diabetes mellitus Typ 1 oder Typ 2 vor (übrigens nicht und, sondern oder). Die dänische Umfrage hat offenbar nur unter Typ 1 Diabetikern stattgefunden.

Die dänische Studie

Die dänische Studie in Diabetes Care finden Sie unter
http://care.diabetesjournals.org/content/early/2014/10/02/dc14-1417.short?rss=1


Zum Ergebnis der dänischen Studie:
Das Verheimlichen von Hypoglykämien erinnert sehr an den bekannten „Insulinvermeidungszwang“, über den Sie in arbeitsmedizinischer Literatur nachlesen können.
(P.Bottermann)

Literatur zu "Insulinvermeidungszwang"

Einige Veröffentlichungen zum "Insulinvermeidungszwang":


http://books.google.de/books?id=CeYHX-5iVNcC&pg=PA328&lpg=PA328&dq=Insulinvermeidungszwang&source=bl&ots=ED

http://books.google.de/books?id=CeYHX-5iVNcC&pg=PA328&lpg=PA328&dq=Insulinvermeidungszwang&source=bl&ots=EDxmjKyKGf&sig=Hk_uQHe4MN85hCjBRAbXaDAY4g8&hl=de&sa=X&ei=WDM5VO79KcbfOKSTgKgD&ved=0CCkQ6AEwAQ#v=onepage&q=Insulinvermeidungszwang&f=false

http://www.aerztezeitung.de/medizin/krankheiten/diabetes/article/843466/diabetes-leitfaden-betriebsaerzte-arbeitgeber.html

noch eine Bemerkung am Schluß

In dem obengenannten Referat der dänischen Veröffentlichung wird von einem Führerscheinentzung gesprochen:
"Nach dieser Gesetzgebung wird der Führerschein entzogen, wenn innerhalb eines Jahres mehrere Episoden von schwerer Hyperglykämie auftreten."

Fahreignung, Fahrtauglichkeit und Fahrfähigkeit sind Bezeichnungen, deren Begriffsinhalte im Alltagsgebrauch offenbar unterschiedlich gesehen werden. Besonders "fahrfähig" und "fahrtauglich" scheinen synonym gebraucht zu werden.
Wenn ich es jemals richtig verstanden habe, wird gemäß Fahrerlaubnis-Verordnung eine Fahrerlaubnis bei bestehender Fahreignung von der zuständigen Behörde zum Führen bestimmter Kraftfahrzeuge auf öffentlichen Wegen oder Plätzen erteilt.
Das Bestehen einer Fahrerlaubnis wird durch eine amtliche Bescheinigung bestätigt, nach der Motorfahrzeuge „geführt“ werden dürfen, ( nicht gefahren, so heißt es im Amtsdeutsch; deswegen wohl auch "Führerschein" und nicht Fahrerschein). Die Fahrerlaubnis- Bescheinigung = Führerschein bestätigt also nur prinzipiell die Eignung zum Führen eines Kraftfahrzeuges. Wird eine Fahrerlaubnis amtlich entzogen, so ist sie erloschen. Es spielt dabei keine Rolle, ob man den Führerschein noch in der Brieftasche hat oder nicht.
Ein Fahrverbot ist eine Anordnung, wonach für eine bestimmte Zeit Kraftfahrzeuge nicht geführt werden dürfen. Die Fahrerlaubnis als solche bleibt aber während dieser Zeit bestehen.
Der Unterschied zwischen fahrfähig und fahrtauglich ist mir nach wie vor nicht ganz klar. Die Fahreignung bleibt offensichtlich bestehen, wenn man vorübergehend nicht fahrfähig oder nicht fahrtauglich ist. (Beispiel Alkoholrausch). Während einer schweren Hypoglykämie ist man sicherlich nicht fahrfähig oder fahrtauglich. Zwischen zwei Hypoglykämien innerhalb eines Jahres ist man bei normalem Blutzuckerwerten sicher wieder fahrfähig und fahrtauglich. Von einer „Nicht-Eignung“ sollte eigentlich nicht die Rede sein. Nomenklatorisch könnte man meines Erachtens allenfalls von einem „Fahrverbot“ im Sinne eines vorsorglichen Unterlassens des Führens eines Motorfahrzeuges für einen bestimmten Zeitraum ausgehen. Anders wäre es, wenn trotz eines derartigen "Verbots" (angenehmer wäre statt Verbot die Bezeichnung „Gebot“, um einen Diabetiker nicht a priori zu kriminalisieren) weitergefahren würde und dabei schwere Hypoglykämien auftreten würden. Hier könnte allenfalls mit einer nicht mehr gegebenen Fahreignung aufgrund fortgesetzter "Uneinsichtigkeit" argumentiert werden.
(Wichtiger als die juristische Feststellung einer „Uneinsichtigkeit“ wäre allerdings eine adäquate Diabetestherapie und ggf. die Hinführung zu einem Hypoglykämiewahrnehmungstraining).
(P.Bottermann)

siehe auch Ausführungen unter Informationen für Betroffene/ Hypo's und Führerschein

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