AOK Bayern "intensiviert" Betreuung ?

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Nr. 21/2011
München, 5. Mai 2011

Anstieg bei insulinpflichtigen Patienten mit Altersdiabetes
AOK Bayern intensiviert Betreuung

Rund eine Million Menschen sind in Bayern von Diabetes mellitus Typ 2 („Altersdiabetes“) betroffen. Daneben gehen Experten von einer Dunkelziffer in der Größenordnung von 200.000 bis 400.000 Personen aus, die bislang unerkannt an Diabetes erkrankt sind. Der hohe medizinische Standard in Deutschland bedingt, dass die Anzahl älterer Menschen, und damit auch der mit Insulin behandelten diabetischen Patienten, kontinuierlich ansteigt. Daher baut die AOK Bayern jetzt ihr Versorgungsmanagement weiter aus: Im Rahmen eines Pilotprojektes werden ab sofort Diabetesberater/innen ältere insulinpflichtige Patienten mit Typ-2-Diabetes im häuslichen Umfeld durch individuelle Angebote unterstützen.

Partner der AOK ist die Mathias Hochschule Rheine, die das Projekt im Rahmen einer Studie wissenschaftlich begleiten und auswerten wird. Es gibt zehn Studienregionen: Coburg, Rottal-Inn, Hof, Passau, Würzburg, Regensburg, Amberg, Donauwörth, München und Mittelfranken. Die Studiendauer soll insgesamt 19 Monate betragen. Die Studie soll als Wegweiser dienen, um eine optimale Behandlungsstruktur für Patienten zu entwickeln. „Das Ziel ist die Stärkung der Selbstpflege und des Selbstmanagements von Patienten mit Diabetes mellitus im häuslichen Umfeld,“ so Harold Engel, zuständiger Ressortdirektor bei der AOK Bayern.

Dazu übernehmen geschulte Diabetesberater/innen zusätzliche Trainings und Schulungen und üben mit den Betroffenen die fachlich richtige Insulininjektion sowie die korrekte Durchführung der notwendigen Blutzuckermessung. Sie überprüfen die Pflege der Füße, kontrollieren die Füße

auf Verletzungen und helfen bei der Früherkennung von Komplikationen, wie zu niedrigem oder zu hohem Blutzuckerspiegel. Sie regen zu mehr Bewegung und gesunder Ernährung an und erinnern an anstehende Kontrolluntersuchungen. So soll erreicht werden, dass ältere Patienten mit Typ-2-Diabetes im häuslichen Umfeld leben, sich um sich selbst kümmern bzw. von Familienangehörigen versorgt werden können und somit länger unabhängig bleiben.

„Noch nie hat es so viele ältere Menschen mit Diabetes mellitus in unserer Gesellschaft gegeben,“ so Engel weiter. So steige auch die Zahl derjenigen älteren Patienten, die auf ein zusätzliches Unterstützungsangebot angewiesen sind. Dies bedeute nicht nur ein zunehmendes sozioökonomisches Problem mit einer Steigerung der Gesundheitsversorgungskosten, sondern beeinträchtige vor allem auch Selbständigkeit, Lebensqualität und Wohlbefinden der betroffenen Menschen und ihrer Familien.



Kommentar vom Diabetikerbund Bayern

Sehr geehrte Damen und Herren der FKDB!
Die AOK Bayern überträgt ärztliche Tätigkeiten an Diabetesberater/innen mit der Begründung, dass Typ 2 Patienten dann besser therapiert und geschult werden, als bei den behandelten Ärzten.
Ich glaube nicht, dass dies im Sinne der Ärzteschaft ist, egal ob Diabetologe oder Hausarzt.
Wir vom Diabetikerbund Bayern, wollen weiterhin von den Ärzten behandelt und geschult werden.
Von wem haben wir Patienten bisher unser Wissen übermittelt bekommen?
Weshalb bezahlen die Kassen die Schulung für Patienten in der Praxis nicht, wenn die Patienten zu wenig Wissen haben?
Die Krankenkassen sollen sich auf Ihre Arbeit konzentrieren und nicht in fremden Revieren wildern.

Kommentar

AOK Bayern intensiviert die Betreuung von älteren Typ 2 Diabetikern. Das klingt gut.
„Im Rahmen eines Pilotprojektes werden ab sofort Diabetesberater/innen ältere insulinpflichtige Patienten mit Typ-2-Diabetes im häuslichen Umfeld durch individuelle Angebote unterstützen“ und „Das Ziel ist die Stärkung der Selbstpflege und des Selbstmanagements von Patienten mit Diabetes mellitus im häuslichen Umfeld.“
Beim ersten schnellen Lesen klingt das wirklich gut. Liest man dann ein zweites Mal und etwas langsamer, fällt doch einiges auf. Es sollen ältere insulinpflichtige Patienten beraten werden. Auch in der Überschrift wird bereits von insulinpflichtigen Patienten mit Altersdiabetes gesprochen. (Hoppla, mit Altersdiabetes; so, so, nicht Diabetes mellitus Typ 2. Na ja, in einer Pressemitteilung, die für die Öffentlichkeit bestimmt ist, muss man sich wohl volkstümlicher ausdrücken. Mit Typ 2 kann der Laie wohl wenig anfangen, deshalb vermutlich Altersdiabetes. Macht sich für die Öffentlichkeitsarbeit ja auch gut, wenn die älteren Diabetiker, die nun auch noch Insulin spritzen müssen, von der Krankenkasse besonders umsorgt werden.)
Es soll die „fachlich richtige Insulininjektion sowie die korrekte Durchführung der notwendigen Blutzuckermessungen“ geübt werden. Na ja, üben. Immerhin ist der Patient bereits bei Umstellung oder Einstellung auf Insulin in der Spritztechnik bei seinem behandelnden Arzt unterwiesen worden, kann also Insulin spritzen. Ebenso wurde ihm neben der Technik der Insulininjektion die Durchführung der Blutzuckerselbstkontrolle beigebracht, sofern er sie in der Vergangenheit, vor Umstellung auf Insulin, nicht bereits durchgeführt hat. (Laut neuerer G-BA Meinung ist das allerdings überflüssig gewesen. Denn ein Diabetiker ohne Insulinbehandlung benötigt in der Regel keine Blutzuckerselbstkontrolle, da sie laut G-BA sowieso nichts bringt.)
(Na ja, ich kann mich an einige Patienten erinnern, die unter oralen Antidiabetika Blutzuckerselbstkontrollen durchführten und bei Beobachtung langsam ansteigender Blutzuckerwerte von sich aus fragten, ob sie jetzt eventuell auf Insulin umgestellt werden müßten. Folgt man den G-BA Ausführungen, merkt der Patient in Zukunft erst hohe Blutzuckerwerte, wenn er symptomatisch wird.)
Also, der laut Überschrift insulinpflichtige Patient mit Altersdiabetes kann bereits Insulin spritzen und Blutzucker messen, wenn er im häuslichen Umfeld von Diabetesberater/innen besucht wird. Sicher, es schadet nichts, wenn eine Diabetesberaterin daheim gelegentlich vorbeischaut, dem Patienten beim Blutzuckermessen und Insulinspritzen zuschaut, ihn auf mögliche Fehler hinweist oder ihm praktische Tipps zur Durchführung gibt.

Nur, was bedeutet …“ eine optimale Behandlungsstruktur für Patienten zu entwickeln.“
Wie der einzelne Patient optimal zu behandeln ist, weiß der behandelnde Arzt, der den Patienten kennt, wohl besser als eine Besuchs-Diabetesberaterin.
Wenn wir den Lehrsatz …" Am Beginn einer jeden Diabetestherapie steht die individuelle Therapiezielplanung" nicht nur als Inschrift auf einem Banner vor uns her tragen wollen, sondern ernst nehmen, kann sich die Besuchs-Diabetesberaterin nur auf ein freundliches Fragen "Kann ich etwas für Sie tun" beschränken.
Apropos, immer wieder höre ich, dass Schwerpunktpraxen händeringend nach Diabetesberater/innen suchen, aber nicht finden. Sie sind "Mangelware". Wo und wie findet denn eine Krankenkasse die Diabetesberater/innen herbei? Wäre es nicht sinnvoller, sie in Schwerpunktpraxen zu belassen?
Na ja, die Besuchs-Diabetesberater/innen sollen ja auch die Pflege der Füße kontrollieren. Wie aber sollen Besuchs-Diabetesberater/innen bei der "Früherkennung von Komplikationen, wie etwa „zu niedrigen“ oder „zu hohen“ Blutzuckerspiegeln" agieren? Sie kennen die generellen Therapieziele, nach denen Blutzuckerwerte als "zu hoch "oder "zu niedrig“ bezeichnet werden. Aber kennen sie die individuellen Therapieziele, die für den einzelnen Patienten festgelegt sind?
Besteht hier nicht die Gefahr, dass die Fehler der ACCORD- und ADVANCE Studie, bei denen man die individuelle Situation des einzelnen Patienten nicht berücksichtigt hat, nun auf ältere insulinbehandelte Diabetiker übertragen werden?
Sinnvoll wäre es deshalb, dass die Diabetesberater/innen vor den Besuchen bei den Patienten den behandelnden Arzt aufsuchen würden, um Details über den Patienten zu erfahren. Unterschiedliche Aussagen bei unterschiedlichen Auffassungen über die Therapie von behandelndem Arzt und Besuchs-Diabetesberater/in würden den Patienten vermutlich nur verunsichern. Denn nach wie vor ist ein Patient wohl der Meinung, dass er von einem Arzt, nicht aber von einer Hilfskraft behandelt werden sollte.
Ach ja, noch etwas. Da ständig von Effizienz und Evidenz, Gesundheitsökonomie mit direkten und indirekten Kosten etc. gesprochen wird, wäre es schön, wenn nach dem Studienende -die Studiendauer soll 19 Monate betragen- allenthalben geforderte „harte Daten" zu erfahren wären.

(9.Mai 2011 – P.Bottermann)