Gegen die Einschränkung der Verordnungsfähigkeit von langwirksamen Analoginsulinen zur Behandlung von Typ 2 Diabetikern hat die Deutsche Diabetes-Gesellschaft (DDG) in einem Schreiben an den Bundesgesundheitsminister Stellung genommen.
Die Deutsche Gesellschaft für Innere Medizin (DGIM) hat sich der Stellungnahme der DDG vollinhaltlich angeschlossen.
Beide Schreiben sind auf der Webseite der DDG zu finden. Sie können hier per Link direkt gelesen werden:

Schreiben der DDG
Schreiben der DGIM

Verordnungseinschränkungen bei langwirkenden Insulinanaloga für Typ 2 Diabetiker- ( und eine escape-Möglichkeit).

Es ist schwierig, bei einem derartigen Thema nur eine Glosse schreiben zu wollen; denn meist kommt eine Satire dabei heraus.

Aber vor einem Kommentar haben die "facts" zu stehen. Schließlich bin ich ja keiner der vielen Journalisten, die - bewußt? - Meldung und - eigene? - Meinung zu einem Brei verrühren, damit es irgendwo schmeckt. (Aber ich merke gerade, ich bin bereits dabei, eine Glosse / Satire zu schreiben.)
Also:
E-Mail Eingang des Gemeinsamen Bundesausschusses vom 14. Juli 2010 (Beschluss zur Arzneimittel-Richtlinie Anlage III tritt in Kraft) "Folgender Beschluss des gemeinsamen Bundesausschusses wurde im Bundesanzeiger veröffentlicht und tritt am 15. Juli 2010 in Kraft."
Arzneimittel-Richtlinie/ Anlage III (Lang wirkende Insulinanaloga zur Behandlung des Diabetes mellitus Typ 2)
Bei Klick auf diesen Link öffnet sich ein Informationsarchiv / Beschlüsse.

Dort findet sich unter Beschlusstext die Veröffentlichung im Bundesanzeiger. Hieraus sei nachfolgend zitiert:

"Insulinanaloga, lang wirkende zur
Behandlung des Diabetes mellitus Typ 2.
Hierzu zählen:
– Insulin glargin
– Insulin detemir

Diese Wirkstoffe sind nicht verordnungsfähig,
solange sie – unter Berucksichtigung
der notwendigen Dosierungen
zur Erreichung des therapeutischen
Zieles – mit Mehrkosten im Vergleich
zu intermediär wirkendem Humaninsulin
verbunden sind. Das angestrebte
Behandlungsziel ist mit Humaninsulin
ebenso zweckmäßig, aber kostengünstiger
zu erreichen. Für die Bestimmung
der Mehrkosten sind die der zuständigen
Krankenkasse tatsächlich entstehenden
Kosten maßgeblich."

Hier verbirgt sich nun die escape-Möglichkeit:
Diese Wirkstoffe sind nicht verordnungsfähig,
solange sie
– unter Berucksichtigung
der notwendigen Dosierungen
zur Erreichung des therapeutischen
Zieles – mit Mehrkosten im Vergleich
zu intermediär wirkendem Humaninsulin
verbunden sind.
Das angestrebte
Behandlungsziel ist mit Humaninsulin
ebenso zweckmäßig, aber kostengünstiger
zu erreichen. Für die Bestimmung
der Mehrkosten sind die der zuständigen
Krankenkasse tatsächlich entstehenden
Kosten maßgeblich.
"

Wenn den Krankenkassen keine Mehrkosten zu NPH-Insulinen entstehen, (wenn man ihnen Rabatte einräumt - also das heißt jetzt "Versorgungswahlvertrag"
oder "Mehrwertvertrag" -; aber nein; ich merke, ich bin schon wieder dabei, eine Glosse / Satire zu schreiben).
Also: Die beiden Insulinhersteller Sanofi-Aventis (Insulin glargin) und NovoNordisk (Insulin detemir) haben reagiert und Pressemitteilungen bzw. Presse-Informationen herausgegeben.

Laut Presse-Information der Firma NovoNordisk wurden mit diversen, aber - noch?- nicht allen Krankenkassen Versorgungswahlverträge geschlossen, nach denen der behandelnde Arzt auch weiterhin die Möglichkeit hat, die jeweils geeignete Therapie für seine Patienten frei zu wählen. Unter www.novonordisk.de wird von NovoNordisk eine aktuelle Liste der Krankenkassen zum Download zur Verfügung gestellt, mit denen bereits ein gültiger Versorgungswahlvertrag besteht. Diese Liste wird von NovoNordisk regelmäßig aktualisiert, damit jeweils der neueste Stand beachtet werden kann.

Laut Pressemitteilung der Firma Sanofi-Aventis wurden mit der überwiegenden Zahl der gesetzlichen Krankenkassen Mehrwertverträge zu dem langwirksamen Insulinanalogon glargin abgeschlossen.
Eine aktuelle Liste, mit welchen Krankenkassen Mehrwertverträge bestehen, finden Sie ebenfalls im Internet. Auch diese Liste wird regelmäßig aktualisiert.

Zusätzlich finden Sie auch ein juristisches Gutachten (RA Claus Burgardt) "Verordnungsausschluss für langwirkende Insulinanaloga - Handhabung und Bedeutung" zur Frage der wirtschaftlichen Verordnung von Insulin glargin (Lantus®) sowie ein Gutachten "Arzthaftung bei der Therapieumstellung von Patienten". (Weitere interessante Details finden Sie auf der Webseite von Sanofi-Aventis unter
http://www.sanofi-aventis.de/live/de/de/layout.jsp?scat=3F6F3515-3FAC- 4589-BF89-509F3C6027C4 ).

Da laut G-BA Beschluss die Erstattungsfähigkeit für Insulin glargin bei einem schweren Hypoglykämierisiko bestehen bleibt, wird auch ein Dokumentationsbogen zum Hypoglykämierisiko angeboten.
(München, 18.Juli 2010 - P.Bottermann)

Lantus und AOK

Eine neue Mitteilung von Sanofi-Aventis zum Stand der Dinge [38 KB] betr. Verordnung für Patienten mit Typ 2 Diabetes.

Neues aus Schilda

Schilda, - gemeint ist das literarisch bekannte Schilda, nicht der Ort, den man auf der Landkarte von Brandenburg im Elbe-Elster-Kreis finden kann -; Schilda hatte von jeher Besonderheiten zu bieten. So baute man dort zum Beispiel seinerzeit bekanntlich ein dreieckiges Rathaus.

Aber Schilda ist mit der Zeit gegangen. Die Inneneinrichtung des Rathauses ist jetzt ziemlich neu. Das Rathaus ist mit ganz modernen Büromöbeln ausgestattet. Aber nicht alle Möbel sind neu. Der große Rathaustisch, an dem die klugen Entscheidungen getroffen werden, stammt aus dem Mittelalter; er ist antik. Na ja, nicht so ganz antik, nur eine täuschend echte Nachbildung des grünen Tisches des Immerwährenden Reichstags zu Regensburg. Solche grünen Tische gibt es anderswo ja auch. Da aber die Entscheidungen vom grünen Tisch in Schilda noch klüger sind als anderswo, ist Schilda in ganz Deutschland ziemlich bekannt geworden.

Auch im Ausland hat man schon von Schilda gehört, aber die weisen Entscheidungen der Ratsherren wohl nicht so ganz verstanden; denn dort spricht man von Schildbürgerstreichen.

Aber man sollte die Arbeit der Ratsherren von Schilda richtig sehen. Sie geben sich ja wirklich sehr große Mühe, alles auf Qualität und Wirtschaftlichkeit zu prüfen, bevor sie ihre meist weit reichenden Entscheidungen verkünden. Sie studieren hierzu sehr gewissenhaft einschlägige, bereits existierende Erfahrungen, die meist in bekannten Fachzeitschriften veröffentlicht worden sind, und entscheiden, ob diese Veröffentlichungen auch den besonderen Maßstäben entsprechen, die sich die Ratsherren selbst gegeben haben, um sie ihrer Entscheidungsfindung zugrunde legen zu können.
Ratsherren in anderen Ländern studieren auch die Literatur. Meist lesen sie dieselben Veröffentlichungen in den gleichen Fachzeitschriften. Nur kommen sie häufig bei gleicher Datenlage zu ganz anderen Entscheidungen als die wackeren Ratsherren in Schilda.
Manchmal ist das richtig peinlich, wenn man mit Kollegen in anderen Ländern spricht. Wenn man auf internationalen Kongressen sagt, wo man herkommt, hat man direkt den Eindruck, etwas mitleidig belächelt zu werden. Gelegentlich hat man auch den Eindruck, ein leises Kopfschütteln zu bemerken; und das alles nur, weil man anderswo die Verhältnisse bei uns in Schilda nicht so richtig versteht.
Wo die klugen Ratsherren von Schilda sich doch solche Mühe geben, ihre Entscheidungen nicht nur auf Hunderten von Seiten zu Papier zu bringen, sondern sie auch sonst zu verdeutlichen.
Gelegentlich helfen den Ratsherren dabei ganz spezielle Journalisten, die ja alles sorgfältig recherchieren und sofort immer alles verstehen, was die Ratsherren so gedacht haben. Zum Verdeutlichen für die Menschen da draußen bringen sie das dann in kurze Sätze - im Telegrammstil. Da Telegramme kurz sein müssen, kann schon mal was verloren gehen, - wie man seit der Emser Depesche weiß.

Neulich wurde über die Renovierung der Rathausfassade diskutiert. Man solle überlegen, so wurde der Vorschlag gemacht, bei dieser Gelegenheit Fenster einzubauen. Es würde heutzutage ganz vorzügliche Fenster geben, die gegenüber den herkömmlichen Fenstern viele Vorteile bieten würden. Die Fensterscheiben seinen heute aus Isolierglas; sie seien schallschluckend und wärmedämmend zugleich. Die Fensterrahmen wären aus unverwüstlichem Plastikmaterial, und so weiter und so weiter.
Den Ratsherren lagen viele Kataloge mit noch mehr Einzelheiten über die Vorzüge dieser neuen Fenstergeneration vor. Die Hersteller brachten Referenzen zahlreicher unterschiedlicher Kunden bei, die voll des Lobes über den Fensterfortschritt waren.

Aber die Ratsherren verwarfen den Einbau der Fenster dann doch aus Gründen der Wirtschaftlichkeit und Zweckmäßigkeit. Die neuen Fenster sein teurer als Mauerwerk. Renovierungen an der Fassade könnten mit Mauerwerk geschehen, das ebenso zweckmäßig wie moderne Fenster vor Wind und Kälte schütze. Zwar könne man Fenstern einen gewissen Zusatznutzen nicht ganz absprechen. Er rechtfertige jedoch nicht den Einbau dieser teuren Fenster. Mauerwerk tue es auch. Schließlich sei man ja über Jahrhunderte seit Erbauung des Rathauses auch ohne Fenster ausgekommen.
In der schriftlichen Begründung der Ratsherren, die im Amtsblatt veröffentlicht wurde, stand dann, Fenster könnten nicht eingebaut werden, solange sie mit Mehrkosten im Vergleich zu Mauerwerk verbunden seien. Für die Beurteilung der Mehrkosten seien die den zuständigen Rathausabteilungen tatsächlich entstehenden Kosten maßgeblich. (Man muss wissen, dass die einzelnen Abteilungen auch in Schilda einen eigenen Etat oder eine eigene Kostenstellennummer haben.)
Die Hersteller der modernen Fenster waren über diese Entscheidung recht verärgert. Sie überlegten, ob sie ihre schönen Fenster nicht zum Preis von Mauerwerk verkaufen könnten. Aber das war keine gute Idee. Denn wenn das Rathaus offiziell die Fenster zum Mauerpreis beziehen würde, kämen sicher die anderen Rathäuser im In- und Ausland auch daher, um die schönen Fenster für diesen Preis zu erhalten. (Schließlich verkaufen die Fensterhersteller ihre Fenstern nicht nur vor Ort in Schilda; sie sind ja weltweit - oder global, wie man heutzutage sagt - tätig.)

Aber - so die Überlegung der Fensterhersteller - da die Stadtväter ja nur beschlossen hätten, dass Fenster nicht eingebaut werden dürften, solange sie mit Mehrkosten im Vergleich zu Mauerwerk verbunden seien, könne man ja mit den einzelnen Abteilungen des Rathauses - oder den Zulieferern, über die die Fenster eingebaut würden - spezielle Verträge als Versorgungswahlverträge oder Mehrwertverträge abschließen, damit es nach innen billiger sei, nach außen sich aber nichts ändere und der Preis für die Fenster anderswo unverändert bleiben könne.
Schilda hat eben Unternehmer, die ebenfalls mit der Zeit gegangen sind und Schilda-spezifische Lösungen finden.
(20.Juli 2010, aus sommerlicher Urlaubshitze - P.Bottermann)

html