Wie man die Zeit seiner Mitmenschen vergeuden kann

Heute wird viel von „Ressourcen“ und Erschöpfung von Ressourcen gesprochen.
Vieles kann man ausgeben oder aber auch nicht ausgeben oder einsparen. Ebenso kann man versuchen, Ausgegebenes wieder rückzugewinnen, um es erneut in einen Kreislauf einzufügen, was gemeinhin mit „Recycling“ umschrieben wird.
Einsparungen und „Recycling“ sind in fast allen Bereichen und Dingen des täglichen Lebens möglich.
Nur eines läßt sich weder ausgeben noch einsparen oder rückgewinnen: Zeit.
Zeit verrinnt.
Zeit sollte deswegen sinnvoll verwandt und nicht vergeudet werden.
Jeder muß wissen, wie er seine - eigene - Zeit ausgibt und für wie sinnvoll er seine Zeitausgabe hält. Er sollte jedoch nur seine Zeit ausgeben und nicht andere Personen zwingen, ihre Zeit ausgeben zu müssen, um sich mit seiner Zeitausgabe zu befassen.
Alle Aktivitäten, die geeignet sind, über den eigenen Umkreis hinaus wirksam zu werden, sollten daher unter dem Aspekt angegangen werden, damit nicht anderer Menschen Zeit auszugeben (um die Worte verschwenden oder stehlen zu vermeiden.)
Man sollte sich dieser Verantwortung, die man gegenüber seinem Umfeld hat, bewußt sein.
Es ist die Vergeudung von Zeit seiner Mitmenschen, die eigene Sicht von Dingen derart in die Welt zu setzen - wohl wissend, daß andere eine andere Sicht dieser Dinge haben könnten - , daß diese anderen gezwungen werden, Zeit aufbringen zu müssen - um das Wort vergeuden zu vermeiden -, um zu dieser Sicht der Dinge Stellung zu nehmen. (Wollte man Zeit als „Ressource“ bezeichnen - was sie nicht ist -, wäre die Vergeudung von Zeit als unsoziales Verhalten einzuordnen.)
Dies gilt nicht nur für Einzelpersonen, sondern auch für Institutionen.
Es sollte nicht mehr vorkommen daß Institutionen Seminare zu Themen veranstalten, die die Gesamtheit der Mitmenschen betreffen, wobei nach Art und Auswahl der Redner bereits von vorne herein zu erkennen sein dürfte, daß zu deren geäußerten Thesen ein umfassender Diskussionsbedarf bestehen wird. Veranstaltungen zu Sachthemen, ohne die Möglichkeit einer umfassenden und ausgewogenen Berücksichtigung erkennbarer oder auch nur zu vermutender unterschiedlicher Ansichten zu bieten, sind Zeitvergeudung; übrigens nicht nur vergeudete Zeit von denjenigen, die sich zu Stellungnahmen veranlaßt sehen (wie die Zeit, die für diesen Artikel vergeudet wurde, da er sich mit Verhaltensweisen befaßt, über deren Unangemessenheit sich die Zeitvergeuder durchaus bewußt sein dürften), sondern auch für die Initiatoren der Zeitvergeudung selbst.

P.Bottermann

April 2002
(Jetzt bin ich doch nachdenklich geworden. Habe ich nicht die Zeit desjenigen vergeudet, der diesen Artikel gelesen hat?)