SWR Fernsehen am 27.11.2008 Gesundheit: Die Diabetes Gefahr.
Wer die Sendung nicht gesehen hat, kann sie sich hier zu Gemüte führen.

(An Stelle der Sendung in Bild und Ton lassen sich jetzt leider nur noch Textbeiträge über die Sendung abrufen.)

Das Fernsehen entdeckt in regelmäßigen Abständen den Diabetes mellitus Typ 2. Bei einigen Millionen Betroffener in Deutschland ist dies ja auch ein dankbares Thema, das Aufmerksamkeit erregt. Damit die Aufmerksamkeit nicht erlahmt und der Zuschauer nicht zum nächsten Sender zappt, kann man dieses Thema aber nicht dröge wissenschaftlich abhandeln; es muss schon eine gewisse reißerische Komponente hinein.

Die ganze Sendung lief unter Odysso. Ob dieser Titel wohl etwas mit dem antiken Recken Odysseus zu tun hat? Wäre ja möglich. Odysseus irrte 10 Jahre umher, bis er nach langen Irrungen und Wirrungen endlich das heimatliche Ithaka fand. Wie lange wird wohl Odysso umherirren? Wenn man so im Fernsehen die Sendungen über medizinische Inhalte dieser und ähnlicher Art sieht, hat man den Eindruck, dass unser moderner Held schon viel länger als der antike Odysseus unterwegs ist.

Dann gibt es „Zoff“ um den Blutzucker; mit Darstellung der ACCORD-Studie, die durch Prof. Sawicki mit einseitiger Darstellung nicht gerade aufhellend erläutert wird. Immerhin umschreibt er wortreich das, was als individuelle Therapiezielplanung am Anfang einer jeden Diabetikerbetreuung steht, bestätigt somit den weltweiten Konsens in den Einstieg einer jeden Diabetesbehandlung, (wobei Zweifel bleiben, ob ihm das selbst überhaupt bewusst geworden ist.)

Den nächsten Beitrag zum Nationalen Aktionsplan Diabetes kann man getrost überspringen. Hier outet sich Herr Egidi aus Bremen neuerlich als Wirrkopf. Na ja, man kann ja auch nicht überall gewesen sein; wo doch Augsburg soweit weg von Bremen liegt. Früher machte man in Augsburg bei MONICA Station (besonders Herz-Kreislauf-Kranke stiegen dort ab; immer noch zu empfehlen), dann bei KORA (beliebt bei Herrschaften zwischen 55 und 74 Jahren; genaue Adresse hier.) Wegen des großen Zulaufs ist ein Erweiterungsbau NAFDM geplant. (Zunächst Bauplan von NAFDM ansehen, erst dann protestieren.) Ob dieser Erweiterungsbau erfolgen wird, ist allerdings wegen der Wirtschaftskrise fraglich geworden.

Es folgen dann die üblichen Rundschläge gegen die pharmazeutische Industrie. Man könnte in Abwandlung der üblichen Verdächtigen in Casablanca von den üblichen Verdächtigungen aus Düsseldorf sprechen. (Während „Casablanca“ als Kultfilm nach wie vor sehenswert ist, tendiert der Unterhaltungswert der Düsseldorfer Epigonen mehr und mehr gegen Null.)

„Vorbeugen statt Heilen.“ Wie wahr. „Life style“- Änderung im amerikanischen Neudeutsch. Simpel; weniger essen und mehr bewegen. Hilft bei drei von vier Personen! Wie kommt es dann, dass Deutschland Europameister im Übergewicht ist? Vielleicht kann das ja Herr Egidi - siehe oben, 2. Kapitel- beantworten. Als Hausarzt kennt er ja seine Klientel und bewahrt sie vor Übergewicht und Bewegungsmangel. Aber was ist mit dem vierten Patienten wie Frau K., die „trotzdem ihr Diabetesrisiko nicht ganz weg bekommt“. Aber lassen wir das; sonst sind wir gleich wieder beim Glukosetoleranztest oder der Statistik, nach der es im Mittel sechs Jahre dauert, bis der - manifeste(!) - Diabetes durch den Hausarzt entdeckt wird.

Und warum kommt es eigentlich zu Fußamputationen? Wenn man sich neue Schuhe kauft und eine Blase läuft, zieht man die Schuhe aus. Es sei denn, die Füße sind gefühllos und man spürt die Blase nicht. Dann läuft man weiter, bis aus der Blase ein Geschwür geworden ist. Tja, besser wäre es, die Füße würden nicht gefühllos geworden sein; dann käme es nicht soweit. Zu dumm, das man dazu den hohen Blutzucker so früh wie möglich entdecken und durch Behandlung senken muss, um die Gefühllosigkeit durch die diabetische Neuropathie zu verhindern.
Frühes Entdecken und konsequentes Behandeln gilt übrigens auch für die Mikroangiopathie, d. h. für die Veränderungen an den kleinen Gefäßen, die an den Augen zur Erblindung und an den Nieren zum Nierenversagen (künstliche Niere, Transplantation) führen.
Aber wie hieß es doch noch im letzten Satz von Kapitel 2 ? „Schließlich bringt die Früherkennung des Diabetes den meisten Menschen keinen Vorteil.“

Apropos unnötige Fußamputationen. Als Hausarzt sollte man es nicht zu einem diabetischen Fuß kommen lassen und den Patienten zum Beispiel über geeignetes und ungeeignetes Schuhwerk beraten und den Patienten, wenn er dennoch ein diabetisches Fußsyndrom entwickelt hat, in das richtige Krankenhaus einweisen.

Armer Odysso! Wird er jemals sein Ithaka erreichen?
Immerhin, man kann hoffen! Er rudert ja in der richtigen Richtung richtig los. („Diabetes ist häufig vermeidbar. Bis zu 90% an Diabetes Typ 2 könnten durch Präventionsmaßnahmen vermieden werden…“)
Aber dann wird das Fahrwasser bereits unruhig. Skylla (ACCORD) und Charybdis („..viele andere Studien…“ Aha, welche waren denn das?) lauern schon auf unseren Helden.
Und schalmaiet und spielet dort nicht eine Sirene auf dem ACCORDeon? („Quäle Dich nicht mit den Untiefen des Fahrwassers ab. Alles halb so schlimm. Gibt Dich hin in meine süßen Arme.“)

Aber auf der Suche nach dem richtigen Weg liegen auch angenehme Stationen und interessante Entdeckungen. (Die Episode mit der Nymphe Kalypso überspringen wir hier mal; sie eignet sich nicht so für eine Satire.) Schauen wir besser zur der Doppelinsel DCCT/EDIC. Sie ist eines neuerlichen Aufenthaltes wert. Den DCCT - Abschnitt hat unser Odysso ja bereits auf der Hinfahrt nach Troja kennen gelernt - so lange ist das schon wieder her. Aber den EDIC - Teil hat er noch nicht gesehen; Zeit, ihn jetzt kennen zu lernen.
Übrigens wurden kürzlich auf dem DCCT-Teil bei einen Besuch einer epidemostatistischen Forschergruppe die Wipfelhöhen der Bäume revisited und anders katalogisiert. Am Prinzip des längeren oder kürzeren Schattenwerfens von gößeren oder kleineren Bäumen hat sich dadurch allerdings nichts geändert.

Und wie wäre es mit einem Aufenthalt auf dem UKPDS-Archipel? Die Bewohner dort sind für ihre besondere Akribie bekannt. Alle Inseln sind einzeln kartiert und sogar durchnummeriert. Gewissenhaft wird Buch geführt und regelmäßig über den Stand auf jeder Insel berichtet. Vor kurzem ist die 80. Fortsetzung erschienen.

An der Steno 2 Insel und dem kleinen nachgelagertem Post Trial Eiland haben widrige Winde den armen Osysso wohl einfach vorbei getrieben.
Aber dämmert da nicht schemenhaft am Horizont die in Seefahrerkreisen gut bekannte Insel VADT herauf? Vor kurzem wurde die Anlegestelle fertiggestellt. Möglicherweise wird unser Held ja an die Del Prato Bucht verschlagen, wo die schöne Nausikaa das weiße Linnen wäscht. Sie hat erkannt, dass es besser ist, die Wäsche bei Zeiten rein zu halten. Sonst bleibt ein graues und fleckiges Memory zurück und das Linnen ist dann nur mühsam, unter heftigen Anstrengungen mit Strapazierung der Textur, wieder halbwegs sauber und tragbar zu machen – und lange haltbar ist die Wäsche dann auch nicht mehr. Noch besser ist es, beginnende Verschmutzungen sofort gründlich zu entfernen (aber das sind Berichte aus einer- damals noch - unbekannten Region; obwohl gleiches auch hier von Altvorderen im vorigen Jahrhundert immer wieder berichtet wurde).

Amer Odysso!
Bei so vielen ungünstigen Winden und widrigen Strömungen ist es schwer, den richtigen Weg zu finden. Vielleicht hilft das Studium von Atlanten oder Segelanweisungen weiter. Die sind gelegentlich schon zwei Jahre alt, werden aber regelmäßig aktualisiert und erweitert und enthalten als Schatz kompakt viele Informationen zu Grundlagen und Praxis.

Man sollte die Hoffnung auf ein glückliches Ende der Irrfahrt nicht aufgeben. Denn in der Antike gab es ja auch ein Happy End.

(P.Bottermann)

P.S.
Am 07.12.2008 ist es mir nicht mehr gelungen, den Videofilm über die SWR-Sendung aufzurufen. Jetzt findet sich nur noch ein Textbeitrag.

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