Nachfolgend finden Sie zwei Artikel der Presseagentur Gesundheit zum Thema "Gerechte Gesundheit - Das Telegramm zu KNB-Debatte - Jul i2009"

Von „menschenverachtend“ bis „unvermeidbar“

„Verdeckte Rationierung ist unethisch“

In diesem Zusammenhang sei auf folgenden Artikel aus dem Jahre 2006 hingewiesen:
Analog-Insuline in der Diabetesbehandlung
Schränken evidenzbasierte Leitlinien ihren Einsatz ein?
MMW-Fortschr.Med.Nr.4/2006(148.Jg.) *Fußnote

Die Quadratur des Kreises, das Ei des Kolumbus und

Die Quadratur des Kreises, das Ei des Kolumbus und die Gesundheitsreform
Die Quadratur des Kreises ist bisher niemandem gelungen. Kolumbus gelang es immerhin, ein Ei auf die Spitze zu stellen, dummerweise nur mit irreversibler Zerstörung der Struktur. Die Gesundheitsreform hat es da einfacher. Sie sagt einfach, der Kreis ist ein Viereck, das Ei hat eine Stellfläche und kurzwirksame Analoginsuline haben gegenüber Normal-Humaninsulinen keinen zusätzlichen Nutzen. Reibt man sich verdutzt die Augen und verweist bei den kurzwirksamen Analoginsulinen auf den Stand der Wissenschaft („State of the Art“), wird man belehrt, der Stand der Wissenschaft sei von einem eigens zu diesem Zweck geschaffenen Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) überprüft worden und habe ergeben, dass kurzwirksame Analoginsuline eben keinen zusätzlichen Nutzen hätten.
Befasst man sich mit den Ausführungen des IQWiG in Detail, sieht man rasch, dass sie wissenschaftlich nicht haltbar und falsch sind.
Hinsichtlich der Wirksamkeit medikamentöser Maßnahmen wird unterschieden zwischen dem „Nachweis der klinisch pharmakologischen Wirksamkeit“ einer Substanz als solcher (Efficacy) und der „Wirksamkeit unter Alltagsbedingungen“ (Effectiveness).
Zur Beurteilung der Wirksamkeit lassen sich unter anderem die Kriterien der
evidenzbasierten Medizin (EBM), wie sie von D. L. Sackett et al. (Evidence-based medicine: What it is and what it isn’t. Brit. Med.J. 312[1996]71-72) zusammenfassend beschrieben wurden, heranziehen.
Der „Stand der Wissenschaft“ (State of the Art) wird von wissenschaftlichen Fachgesellschaften in evidenzbasierten Leitlinien wiedergegeben, die als Behandlungsempfehlungen herangezogen werden können.
Von den Begriffen der „Klinisch pharmakologischen Wirksamkeit“ (Efficacy) und der „Wirksamkeit unter Alltagsbedingungen“ (Effectiveness) ist der „Einsatz unter Berücksichtigung verfügbarer Ressourcen“ (Efficiency) strikt zu trennen.
Dass begrenzt zur Verfügung stehende Ressourcen effizient einzusetzen sind und bei einem Mangel rationiert werden müssen, wird wohl niemand bezweifeln.
Unter dem Gesichtspunkt der „Efficiency“, also des Einsatzes unter Berücksichtigung verfügbarer Ressourcen, muss bei kurzwirksamen Analoginsulinen deshalb gefragt werden, ob der höhere Preis (inzwischen ist der Preis durch Rabattverträge nicht mehr höher!) den nachgewiesenen Zusatznutzen für eine bestimmten Gruppe chronisch Kranker zulasten der Solidargemeinschaft der Versicherten rechtfertigt. Diese Entscheidung muss von der Gesellschaft als Gesamtheit eines Sozialverbandes, hier der von der Gesamtheit des Sozialverbandes gewählten Legislative, getroffen werden. (Von ca. 70 Mill. GKV-Versicherten spritzen ca. 1,5 Mill. Insulin. Jedoch nur bei einem Teil dieser insulinspritzenden Diabetiker stellt sich die Frage nach dem Einsatz kurzwirksamer Analoginsuline.)
Es ist unzulässig, sich von dieser Entscheidung hinweg zu stehlen, indem man die Begriffe des „Nachweises der klinisch pharmakologischen Wirksamkeit“ (Efficacy) und der „Wirksamkeit unter Alltagsbedingung“ (Effectiveness) mit der „Berücksichtigung verfügbarer Ressourcen“ (Efficiency) vermengt. Die derzeit in der gesundheitspolitischen Diskussion geübte Praxis, an Stelle eines wie auch immer gearteten oder verursachten Mangels an Ressourcen unter Verbiegung wissenschaftliche Erkenntnisse von fehlender oder nicht nachgewiesener Wirksamkeit zu sprechen, ist verwerflich.
Die derzeit zur Behandlung von Patienten mit Diabetes mellitus getroffenen gesundheitspolitischen Entscheidungen sind deswegen mit Glaubwürdigkeitsproblemen behaftet.

(Ein Manuskript vom Februar 2007, das nie veröffentlicht wurde. - P.Bottermann, 31.August 2009)